Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steht zunehmend unter Druck. Eine Erhebung des Deutschen Schulbarometers (26. April bis 20. Mai 2024) zeigt einen besorgniserregenden Befund: Rund 21 % der befragten Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 17 Jahren berichten/sind von psychischen Auffälligkeiten. Zusätzlich geben etwa 27 % eine niedrige Lebensqualität an – unabhängig von der besuchten Schulform. Wer selbst während Corona zur Schule ging, kann darüber nicht verwundert sein, dass sich dieser Wert im Zuge der Pandemie nahezu verdoppelt hat. Diese Entwicklung stellt nicht nur eine erhebliche Belastung für die betroffenen Jugendlichen dar, sondern birgt auch langfristige gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Risiken. Psychische Erkrankungen im Jugendalter erhöhen das Risiko für spätere Erwerbsausfälle, geringere Belastbarkeit sowie für somatische Folgeerkrankungen wie Übergewicht oder HerzKreislauf-Erkrankungen. Ursachen liegen unter anderem in familiären Belastungen, Leistungsdruck, Mobbing, sozialer Isolation sowie einem zunehmenden, oft unreflektierten Medienkonsum. Daher sollte das Interesse an der Gesundheit der Nation universell sein. Gerade der Schule kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. Sämtliche Staatsbürgerinnen und bürger verbringen ihre prägende Sozialisierungsphase in schulischen Einrichtungen. Schule ist daher nicht nur Lern-, sondern auch Lebensmittelpunkt und bietet die größte Chance, präventiv, niedrigschwellig und wirksam anzusetzen. Wir Jungen Liberalen sind überzeugt: Kinder und Jugendliche sind die Gestalterinnen und Gestalter unserer Zukunft. Dieser Lebensabschnitt prägt nicht nur Bildungswege, sondern das gesamte weitere Leben. Mentale Gesundheit ist deshalb keine Randfrage, sondern eine zentrale Voraussetzung für individuelle Freiheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Daher fordern wir: 1. Mehr qualifiziertes Personal für Prävention und Betreuung Um psychische Belastungen frühzeitig erkennen und wirksam begleiten zu können, benötigen Schulen ausreichend qualifiziertes Personal. Der aktuelle Betreuungsschlüssel von durchschnittlich einer Schulpsychologin bzw. einem Schulpsychologen auf rund 5.000 Schülerinnen und Schüler ist in Gänze unzureichend und wird dem tatsächlichen Bedarf in keiner Weise gerecht. Mittelfristig fordern wir, einen Betreuungsschlüssel von 1:2.500 anzustreben, langfristig sollte ein Verhältnis von 1:1.000 das Ziel sein. An Schulen in sozialen Brennpunkten oder mit besonders hohem Unterstützungsbedarf ist darüber hinaus ein nochmals verbesserter Schlüssel vorzusehen, um den spezifischen Herausforderungen vor Ort angemessen begegnen zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen gezielt verbessert werden. Dazu gehören unter anderem die Förderung schulpsychologischer Studiengänge, attraktive Karriereperspektiven im Schuldienst, Quereinstiegsmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte sowie eine angemessene Vergütung. Darüber hinaus sollen mehr Vertrauenslehrkräfte eingesetzt werden, die als niedrigschwellige Ansprechpersonen fungieren und eng mit schulpsychologischen Angeboten zusammenarbeiten. Prävention gelingt nur dann, wenn ausreichende personelle Ressourcen dauerhaft gesichert sind. 2. Bessere Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Lehrkräfte sind häufig die ersten, die Veränderungen im Verhalten oder psychische Belastungen bei Schülerinnen und Schülern wahrnehmen. Dennoch fühlen sich viele nicht ausreichend darauf vorbereitet, angemessen zu reagieren. Deshalb sollen verbindliche Inhalte zur mentalen Gesundheit in die Lehrkräfteausbildung integriert werden. Diese sollen grundlegende Kompetenzen in den Bereichen psychologische Erstansprache, Stressbewältigung, Resilienzförderung, Mobbingprävention, Konfliktmanagement und Umgang mit digitalen Belastungen vermitteln. Ziel ist keine therapeutische Ausbildung, sondern Handlungssicherheit im pädagogischen Alltag. Zusätzlich sind regelmäßige Fort- und Weiterbildungsangebote sowie Supervisionsmöglichkeiten verpflichtend in die Lehrerfortbildung aufzunehmen. In diesem Rahmen sollen auch Quereinsteiger angemessen auf die pädagogische Arbeit im Klassenzimmer vorbereitet werden. Damit diese Angebote nicht zur zusätzlichen Belastung werden, müssen Schulen ausreichend zeitliche und finanzielle Ressourcen erhalten. 3. Ganzheitliche Kompetenzvermittlung von gesundem Medienkonsum und digitaler Balance Medienkompetenz ist eine zentrale Schlüsselkompetenz und und in einer digital geprägten Lebenswelt unerlässlich für Selbstbestimmung, demokratische Teilhabe und psychische Stabilität. Sie muss daher als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe verstanden werden. Ein eigenständiges Schulfach ist weder notwendig noch praktikabel. Stattdessen soll Medienkompetenz kontextbezogen in bestehenden Fächern vermittelt werden. Insbesondere in den Gesellschaftswissenschaften sowie in den Sprachen können Kompetenzen und Themen wie Quellenkritik, Meinungsbildung, digitale Öffentlichkeit und Sprachmanipulation sinnvoll aufgegriffen werden. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, Informationen kritisch zu bewerten und sich selbstbestimmt sowie verantwortungsvoll in digitalen Räumen zu bewegen. Digitale Bildung muss auch die mentalen Auswirkungen digitaler Medien stärker in den Blick nehmen. Exzessiver Social-Media-Konsum, Cybermobbing, Radikalisierungstendenzen sowie suchtfördernde Mechanismen digitaler Plattformen stellen reale Belastungsfaktoren dar. Medienkompetenz ist daher essenziell für den Aufbau von Resilienz, etwa im Umgang mit negativer Berichterstattung, digitalen Konflikten oder manipulativen Inhalten. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, ihr eigenes Medienverhalten zu reflektieren, Algorithmen und Filterblasen zu verstehen und gesunde Grenzen zu setzen. Entsprechende Bildungsangebote sollen kritisches Denken, digitale Selbstregulation und einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Netzwerken fördern. 4. Einführung eines integrierten Gesundheitsunterrichts im Fach Sport Der Sportunterricht soll um einen altersgerechten Gesundheitsbildungsanteil ergänzt werden, der körperliche und mentale Gesundheit zusammendenkt. Da körperliche Aktivität und Körperwahrnehmung hier bereits im Mittelpunkt stehen, bietet sich dieses Fach besonders an. In ausgewählten Jahrgangsstufen – etwa in der Mittelstufe[BS1] – sollen Themen wie Stressbewältigung, Entspannungstechniken, gesunde Ernährung und Lebensführung praxisnah vermittelt werden. Der Bewegungscharakter des Faches bleibt dabei überwiegend erhalten, indem der Gesundheitsanteil zeitlich begrenzt integriert wird. 5. Kooperation mit außerschulischen Partnern stärken Mentale Gesundheit entsteht nicht alleine im schulischen Kontext. Schulen sollen daher enger mit und zivilgesellschaftlichen bzw. kirchlichen Organisationen (z.B. Jugendzentren, Sportvereinen, psychologischen Diensten und Beratungsstellen) kooperieren. Ziel ist der Aufbau ganzheitlicher Präventionsstrukturen, die schulische Angebote sinnvoll ergänzen und Übergänge in weiterführende Hilfsangebote erleichtern. Eine starke Vernetzung erhöht die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen und entlastet Schulen nachhaltig. 6. Regelmäßige Erhebung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern Um Entwicklungen frühzeitig erkennen und Maßnahmen gezielt weiterentwickeln zu können, soll die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern regelmäßig, anonym und wissenschaftlich begleitet erhoben werden. Bundesweite Befragungen – etwa im Rahmen des Deutschen Schulbarometers – liefern dafür eine belastbare Grundlage. Eine evidenzbasierte Bildungspolitik benötigt valide Daten, um Präventionsmaßnahmen wirksam, zielgerichtet und nachhaltig zu gestalten.